Bierolog: Ravnodenstvie von Lehe

06.12.2019

Ein Bier, so dunkel, dass man vermutlich Probleme hätte, in der baltischen Nacht danach zu greifen. Das Ravnodenstvie der estnischen Brauerei Lehe bringt eine sagenhafte Komplexität ins Glas, könnte aber für viele, die bisher ihre Probleme mit den schweren Stouts hatten, ein Türöffner sein. 


fact sheet

RAVNODENSTVIE
Bierstil:
 Russian Imperial Stout
IBUs (Bittereinheiten): 110
Alkoholgehalt: 11% vol
Gärung: obergärig
Zutaten: Wasser, Gerstenmalz, Hafer, Hopfen, Hefe, Vanille
Eine Kollaboration mit der Vasileostovskaya Brewery aus St.Petersburg.

 

ravnodenstvie_lehe_label
Tolles Label-Design, dem das Bier in nichts nachsteht.

 


Lehe Pruulikoda – ein Senkrechtstarter aus Estland

Wie so oft in der Welt der „neuen Biere“ der Fall, kommen auch Gristel and Tarmo als Gründer von Lehe aus dem Hobby. Nach nur vier Jahren und überwältigenden Rückmeldungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, entscheiden die beiden 2013 aber relativ schnell, dass das Ganze auch auf einem gewerblichen Level Potenzial hat. Und wie – die Neubrauer kommen zunächst gar nicht hinter dem Erfolg hinterher. Nicht selten warten am Ende der Abfülllinie schon ungeduldige Kund*innen und nehmen das Bier gleich in Empfang. Entsprechend wächst man in wenigen Jahren von 30 auf 210 Hektoliter und kurbelt die Produktion auf einen 24 Stunden-Betrieb. Den beiden Gründern wird das Ganze allmählich zu bunt, und sie entscheiden, die Brauerei zu verkaufen. Sympathischerweise nicht an einen gesichtslosen internationalen Multi, wie dieser Tage leider allzu oft in den Medien zu lesen. Stattdessen ging das Paddel 2019 an Tanel Nurmeots, der als Bewunderer der ersten Stunde, Craftbeer Store-Gründer und erfolgreicher Wander-Brauer schon fast zur Familie gezählt werden kann.

Sensation im Glas

Ab einem gewissen Grad kann man Dunkelheit nicht mehr intensiver wahrnehmen. Diese Latte überspringt das Ravnodenstvie (150 EBC) ohne Anstrengung. Der an Mokka erinnernde Schaum hat nur kurzen Bestand, ehe ihn die 11% Alkohol aus dem Weg räumen. Anders als in z.B. in Belgien üblich, hat man sich in Sachen Kohlensäure hier zurückgehalten: schon beim einschenken fällt die Viskosität auf, die sich langsam die Glaswände herunterarbeitet. 

In der Nase offenbart sich eine komplexe Aromatik, die getragen wird von Kaffee- und Kakaoaromen. Erstaunlicherweise arbeitet sich die verwendete Bourbonvanille schon hier einen eleganten Pfad durch das Dickicht der Röstnoten.

„If I told you that a flower bloomed in a dark room, would you trust it?“
Kendrick Lamar

Ein wunderbar cremiges Mundgefühl, das durch den Haferanteil schön zusammengebunden und durch die schwache Karbonisierung nicht ausgehebelt wird, verteilt den ölig-sirupigen Schluck anhaftend auf im gesamten Mundraum. Und erst hier erschließt sich langsam das Gesamtkonzept: alle Lichter gehen an; alle Regler auf – aber jede Intensität hat ihren passenden Gegenspieler. Die nicht durch Kohlensäure gebremste, dickflüssige Süße bekommt durch eine mundfüllende und komplex nachhallende Bittere (satte 110 Bittereinheiten!) ein ebenbürtiges Gegenüber. Dazu liefern die Röstmalze neben einer differenzierten und gleich im Antrunk präsenten Röstaromatik eine gewisse Säure, die das Bier nicht zu einer Seite kippen lassen. Und auch im Geschmack setzt sich die feine Vanille deutlich gegen die satten Röstaromen ab.

Was Mir gefällt

Ein Nachtisch von einem Bier, an Intensität kaum zu übertreffen. Dennoch steht hier nichts allein, alle Aromen sind sehr schön eingebunden in ein Gesamtkonzept, das einem einiges abverlangt – ohne aber in eine Richtung ins Extreme auszuschlagen. Einzig die sehr präsente Bittere könnte ungeübten Gaumen etwas zu schaffen machen. Ganz erstaunlich finde ich, wie es gelungen ist, die feinen Vanillearomen in einem so intensiven Bier so nuanciert zur Geltung zu bringen, dass nicht nur ich sie eindeutig zuordnen konnte bevor ich auf die Zutatenliste geschaut hatte. Erschrecken kann man sich bei diesem Blick auch über die 11% Alkohol, die durchaus auch 3% niedriger geschätzt werden könnten. Eine dominante Alkoholnote findet sich hier jedenfalls nicht.

Preislich befindet sich das Ravnodenstvie sicher eher im unteren Mittelfeld dessen, was man für ein Bier dieser Komplexität berappen muss, sodass ich mich so weit aus dem Fenster lehnen würde zu behaupten, dass man hier sicher eines der besten Preis-Leistungs-Verhältnisse in diesem Segment vorfindet.

Wem’s gefällt

Russian Imperial Stouts gehören zweifelsohne zu den schwersten Geschützen der Bierwelt. Außer ihnen legen nur Barleywines, wenige belgische Stile, extrem hoch drehende IPAs und Eisböcke zuverlässig zweistellige Alkoholwerte in die Waagschale. Hinzu kommen die nicht immer so harmonisch eingebundenen Röstaromen. Eine Harmonie, wie wir sie trotz satter 11% Alkohol in diesem tiefschwarzen Glas finden, erreichen dabei leider nur wenige.

Wenn Du dunkle Biere magst, Du zu schwereren Stouts aber bisher keinen Zugang gefunden hast, versuche es doch bei Gelegenheit mal mit dieser freundlichen Wuchtbrumme!

 

Lehe - RAVNODENSTVIE, Label
Eine Kollaboration mit Vasileostovskaya aus St.Petersburg

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